Besser streiten: Warum man Konflikte genießen sollte
Konflikte vermeiden? Besser nicht. Wer Uneinigkeit versteht und nutzt, gewinnt auf vielen Ebenen: klarere Entscheidungen, stärkere Beziehungen und echte Entwicklung im Team.
Lesezeit: 14 Minuten

Konflikte und ihr schlechter Ruf – Die versteckten Potenziale von Uneinigkeit
Jonas, in seiner Organisation zuständig für Qualitätssicherung, legt ein Din-A-4-Blatt auf Mias Schreibtisch. Er verschränkt die Arme und sieht sie düster an. Sie erkennt den Ausdruck sofort – das angepasste Erstkontaktformular, das sie als Teamleiterin eigenmächtig geändert hat.
„Du hast dich schon wieder über unsere Standards hinweggesetzt“, herrscht Jonas Mia an. „Ich weiß.“ Mia legt den Stift hin. „Die alte Version hat die Hälfte unserer Klientinnen beim ersten Termin überfordert. Ich hab es vereinfacht.“
Jonas verschränkt die Arme. „Du hättest das abstimmen müssen.“ „Hab ich versucht. Dreimal.“ Eine kurze Pause. „Nichts ist passiert – also hab ich es einfach gemacht.“
Er schweigt. Nicht weil ihm die Worte fehlen, sondern weil Mia wiederholt an ihm vorbei agiert. Gerade will er ihr – einmal mehr – erklären, wie der offizielle Prozess in einem solchen Fall aussehen müsste, da zischt Mia: „Ich bin es so leid! Will man in diesem Laden was verbessern, bekommt man am Ende doch nur wieder einen auf den Deckel.“ Jonas platzt die Hutschnur. Es entbrennt ein Streit. Laut und leidenschaftlich.
Zwei Menschen, die dasselbe wollen – das Beste für ihre Organisation –, und trotzdem aneinandergeraten. Geht es besser? Und wenn ja: Wie?
Konflikte haben einen schlechten Ruf. Sie gelten in vielen Organisationen als Störung, als Reibungsverlust im System, als etwas, das möglichst schnell befriedet – besser noch: vermieden – werden soll. Gerade in Organisationen des sozialen Sektors, in denen Kooperation und Werteorientierung zentral sind, wirkt Uneinigkeit schnell wie ein Widerspruch zum eigenen Selbstverständnis.
Doch diese Sichtweise verschenkt enormes Potenzial. Denn: Konflikte sind keine Betriebsstörung. Sie sind ein Hinweis darauf, dass etwas in Bewegung ist. Dass unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Dass Entwicklung möglich wird.
Wer lernt, Konflikte nicht zu vermeiden und Uneinigkeit nicht nur auszuhalten, sondern produktiv zu nutzen, kommt gestärkt heraus: mit klareren Ideen, robusteren Lösungen und – oft überraschend – mit tieferen Beziehungen.
Dieser Beitrag beleuchtet, wie Konflikte entstehen, warum manche Menschen Regeln brechen (müssen), welche Dynamiken dabei eine Rolle spielen – und wie man den Weg von der Eskalation zur echten Lösung findet.
Zwei Welten: Regeltreue vs. Regelbrecher*innen
Im Kern vieler Konflikte stehen zwei grundverschiedene Persönlichkeitstypen – oder besser: zwei Haltungen gegenüber Regeln und Verantwortung.
Die Regeltreuen: Hüter*innen der Beständigkeit
Regeltreue Menschen sind das Rückgrat jeder Organisation. Sie schaffen Verlässlichkeit, dokumentieren sorgfältig und sorgen dafür, dass Vereinbarungen auch unter Druck eingehalten werden. Sie sind nicht starr – sie sind konsistent.
Ihre Stärken:
- Klare Orientierung in unsicheren Situationen
- Rechtssicherheit und Nachvollziehbarkeit
- Verlässlicher Maßstab für alle Beteiligten
- Schutz vor vorschnellen, riskanten Entscheidungen
Ihr blinder Fleck: Sie neigen dazu, Prozesse höher zu gewichten als Ergebnisse. Wenn die Regel sagt, Formular X muss vor Schritt Y ausgefüllt werden, dann ist das so – auch wenn alle wissen, dass es sinnlos ist.
Konflikttypisch: Sie erleben Regelbrüche als persönlichen Angriff auf das gemeinsame Fundament der Zusammenarbeit.
Die Regelbrecher*innen: Pionier*innen des Neuen
Regelbrecher*innen – oder treffender: Regelgestalter*innen – denken in Möglichkeiten. Sie fragen nicht „Darf ich?“, sondern „Was, wenn?“. Sie übernehmen Verantwortung für Ergebnisse, nicht für Prozesse.
Ihre Stärken:
- Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit
- Fokus auf das eigentliche Ziel
- Bereitschaft, Risiken einzugehen
- Fähigkeit, festgefahrene Strukturen aufzubrechen
Ihr blinder Fleck: Sie unterschätzen oft, welche Sicherheit Regeln für andere bedeuten – und welchen Schaden unkontrollierter Regelbruch anrichten kann.
Konflikttypisch: Sie erleben regelkonforme Kolleg*innen als Bremse und verstehen nicht, warum der Weg wichtiger sein soll als das Ziel.
Wenn Regeln auf Wirklichkeit treffen: Brauchbare Illegalitäten
Der Soziologe Niklas Luhmann prägte einen Begriff, der auf den ersten Blick provokant klingt: die brauchbare Illegalität. Luhmann beobachtete, dass Organisationen nur dann funktionieren, wenn ihre Mitglieder hin und wieder von offiziellen Regeln abweichen. Nicht aus Böswilligkeit – sondern weil die Realität komplexer ist als jede Richtlinie.
Brauchbare Illegalitäten sind informelle Praktiken, die offiziell nicht vorgesehen, manchmal sogar verboten sind – aber die Organisation am Laufen halten. Der Buchhalter, der ein Formular rückdatiert, um eine Deadline zu retten. Die Technikerin, die eine nicht freigegebene Methode anwendet, weil sie einfach besser funktioniert. Die Projektleitung, die Budgetposten kreativ umwidmet.
Merksatz 1
„Regeln beschreiben die Vergangenheit. Brauchbare Illegalitäten gestalten die Zukunft.“
Diese Praktiken sind kein Versagen von Systemen – sie sind ihr Sicherheitsventil. Und gleichzeitig: ein Konfliktherd.
Die zwei Achsen des Konflikts: Mensch vs. Ergebnis und Mensch vs. Prozess
Wenn Regeltreue und Regelgestalter*innen aufeinanderprallen, spielen sich Konflikte meist auf zwei Achsen ab: Auf der einen Achse stellen Mensch und Ergebnis die diametral gegenüberliegenden Punkte dar. Auf der anderen Achse sind es Mensch und Prozess. Schauen wir uns die beiden Achsen genauer an und denken dabei an Jonas und Mia, Qualitätsmanager und Teamleiterin, den Regeltreuen und die Pionierin.
Achse 1: Mensch vs. Ergebnis
- Die eine Seite priorisiert das Ergebnis: Was ist notwendig, um ein Ziel zu erreichen?
- Die andere Seite priorisiert den Menschen: Was ist zumutbar, vertretbar, stimmig?
Konflikte entstehen, wenn Zielorientierung als Kälte erlebt wird – oder Menschorientierung als Ineffizienz.
Pionier*innen argumentieren ergebnisorientiert: „Schau, was wir erreicht haben!“ Regeltreue fragen: „Auf welchem Weg?“ Der Konflikt entsteht, weil beide Seiten verschiedene Dinge für selbstverständlich halten. Das Ergebnis wird zur Rechtfertigung für den Weg – oder umgekehrt der Weg zur Bedingung für die Anerkennung des Ergebnisses.
⚡ Typische Aussage der Regelgestalter*innen: „Das Projekt ist fertig und alle sind zufrieden – was soll die Kritik?“
⚡ Typische Aussage der Regeltreuen: „Das hätte schiefgehen können. Wir können das nicht akzeptieren.“
Achse 2: Mensch vs. Prozess
- Die eine Seite vertraut auf Prozesse: Sie geben Sicherheit und Struktur.
- Die andere Seite stellt Prozesse infrage, wenn sie nicht mehr zur Realität passen.
Hier wird Prozessbindung schnell als Starrheit gelesen – und Prozesskritik als Unzuverlässigkeit.
Auf dieser Achse wird es persönlicher. Die Frage lautet nicht mehr „Was haben wir erreicht?“, sondern „Wer hat das Recht, Regeln zu setzen?“ Wer sich über eine Regel hinwegsetzt, stellt implizit die Autorität derer in Frage, die sie aufgestellt haben. Das fühlt sich wie Missachtung an – auch wenn es das nicht ist.
Beide Spannungsfelder sind nicht auflösbar. Viel mehr gilt es, sie auszuhalten und vor allem, sie zu gestalten. Denn unausgefochtene Konflikte beider Ebenen werden weiter schwelen, sich ausdehnen und – früher oder später – eskalieren.
Eskalationsstufen: Wie aus Differenz Feindschaft wird
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass nicht jeder Konflikt gleich schwer wiegt. Friedrich Glasl, österreichischer Ökonom, Politikwissenschaftler, Organisationsberater und Konfliktforscher, hat ein Modell entwickelt, das neun Eskalationsstufen beschreibt, eingeteilt in drei Hauptphasen. Wer weiß, auf welcher Stufe ein Konflikt gerade steht, kann gezielter eingreifen.
Phase 1: Win-Win (Stufen 1–3)
Beide Seiten könnten noch gewinnen. Kooperation ist möglich.
- Stufe 1 – Verhärtung: Meinungen prallen aufeinander, Standpunkte werden fester
- Stufe 2 – Debatte: Argumente werden schärfer, Überzeugungsversuche nehmen zu
- Stufe 3 – Taten statt Worte: Man redet weniger, handelt mehr – ohne Abstimmung
Phase 2: Win-Lose (Stufen 4–6)
Eine Seite kann nur gewinnen, wenn die andere verliert. Misstrauen dominiert.
- Stufe 4 – Koalitionen: Man sucht Verbündete, Lager bilden sich
- Stufe 5 – Gesichtsverlust: Angriffe auf das Image der anderen Seite
- Stufe 6 – Drohstrategien: Drohungen und Gegendrohungen als Machtmittel
Phase 3: Lose-Lose (Stufen 7–9)
Beide Seiten sind bereit, selbst Schaden zu nehmen, wenn die andere Seite mehr verliert.
- Stufe 7 – Begrenzte Vernichtung: Gezielte Schläge gegen die Gegenseite
- Stufe 8 – Zersplitterung: Vernichtung des feindlichen Systems als Ziel
- Stufe 9 – Gemeinsam in den Abgrund: Totale Konfrontation ohne Rücksicht
Für Konflikte zwischen Regeltreuen und Regelgestalter*innen gilt: Die meisten beginnen auf Stufe 1 oder 2. Wer früh interveniert, verhindert das Abrutschen in tiefere Eskalationen – mit weitaus geringerem Aufwand.
Das Reflexionsrad: Warum Konflikte oft keine Persönlichkeitsfrage sind
Bevor Konflikte eskalieren, gibt es immer einen Moment, in dem eine andere Wahl möglich wäre. Das Reflexionsrad ist ein Werkzeug, das diesen Moment sichtbar macht. Das Reflexionsrad hilft, die eigene Reaktion auf Konflikte zu verstehen und zu steuern. Im Reflexionsrad finden sich vier Hauptachsen:
Konflikte und ihre Handlungslogiken
Viele Konflikte in Organisationen entstehen nicht, weil Menschen schwierig sind. Sondern weil sie aus völlig unterschiedlichen inneren Logiken heraus handeln.
Das Reflexionsrad macht genau diese Unterschiede sichtbar. Es zeigt, dass Menschen – je nach Persönlichkeit, Rolle und Erfahrung – ihren Fokus auf unterschiedliche Dinge richten: auf Nähe oder Distanz bzw. auf den Menschen oder die Ergebnisse im Fokus, auf Dauer oder Wechsel, auf Stabilität oder Innovation.
Die Grafik beschreibt dabei keine starren Typen. Niemand ist ausschließlich „Bewahrer“ oder ausschließlich „Pionierin“. Aber viele Menschen haben eine bevorzugte Richtung, in die sie denken, entscheiden und handeln. Und genau dort entsteht oft Reibung.
Die Leitungspersönlichkeit, die Prozesse absichern möchte, trifft auf den Mitarbeitenden, der pragmatisch improvisiert. (Oder Jonas trifft auf Mia, wie in unserem Beispiel vom Anfang.)
Die Teamleiterin, die Beziehungen schützen will, gerät mit der Kollegin aneinander, die vor allem Ergebnisse im Blick hat.
Die regelorientierte Fachkraft empfindet den kreativen Umgang mit Vorgaben als riskant – während die andere Seite dieselben Regeln als Hindernis erlebt.
Im sozialen Sektor verschärft sich diese Spannung häufig noch. Denn hier arbeiten Menschen permanent in Zielkonflikten: zwischen Menschlichkeit und Bürokratie, zwischen Zeitdruck und Sorgfalt, zwischen Dokumentation und echter Begegnung.
Das Reflexionsrad hilft dabei, Konflikte nicht vorschnell moralisch zu bewerten.
Denn oft steckt hinter dem Verhalten kein „falsch“, sondern lediglich ein anderer Schwerpunkt. Problematisch wird es erst, wenn eine dieser Perspektiven zur einzig legitimen erklärt wird.
Gerade Diskussionen über sogenannte brauchbare Illegalitäten lassen sich mit dem Reflexionsrad oft erstaunlich produktiv führen. Denn plötzlich wird sichtbar: Der Regelbruch entstand möglicherweise nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Verantwortung gegenüber der Situation. Aus dem Wunsch heraus, einem Menschen schnell zu helfen. Oder ein festgefahrenes Verfahren praktikabler zu machen.
Das bedeutet nicht, jede Grenzüberschreitung zu legitimieren. Aber es verändert die Qualität des Gesprächs.
Aus „Warum hältst du dich nie an Regeln?“ wird dann vielleicht:
„Worum ging es dir eigentlich? Welche Qualität wolltest du schützen?“
Und genau dort beginnt häufig die eigentliche Konfliktlösung: nicht in der Frage, wer Recht hat – sondern darin, zu verstehen, welche Stärke die jeweils andere Seite gerade verteidigt.
Von der Regeltreue zur Regelgestaltung: Ein Entwicklungsweg
Regeltreue ist keine schlechtere Eigenschaft als Regelfreiheit. Sie ist eine andere Entwicklungsphase – und ein wichtiger Ausgangspunkt.
Wer Regeln versteht, kann sie besser hinterfragen. Wer weiß, warum eine Regel existiert, kann entscheiden, wann sie ihrem eigentlichen Zweck schadet. Das ist keine Beliebigkeit – das ist Reife.
Der Weg der Entwicklung
Stufe 1 – Regelanwendung: Ich befolge Regeln, weil ich muss oder weil ich es so gelernt habe.
Stufe 2 – Regelverständnis: Ich verstehe, warum die Regel existiert und schütze ihren Sinn.
Stufe 3 – Regelprüfung: Ich frage mich, ob die Regel ihrem Zweck noch dient.
Stufe 4 – Regelgestaltung: Ich schlage bessere Regeln vor oder handle in begründeten Ausnahmefällen anders – transparent und verantwortungsvoll.
Dieser Weg setzt voraus, dass Konflikte nicht als Gefahr, sondern als Erkenntnisquelle begriffen werden. Die Auseinandersetzung zwischen Regeltreuen und Regelgestalter*innen kann – wenn sie gut geführt wird – genau diese Entwicklung bei beiden auslösen:
- Die Regeltreuen lernen: Nicht jede Regel ist heilig. Manchmal ist der Mut, sie zu hinterfragen, der wichtigste Beitrag.
- Die Regelgestalter*innen lernen: Nicht jede Umgehung ist Kreativität. Manchmal ist Verbindlichkeit das höchste Vertrauen, das man jemandem schenken kann.
Aus dem Streit gestärkt: Wie Konflikt Bindung schafft
Wenn zwei Menschen einen Konflikt nicht vermeiden, sondern durcharbeiten – mit Ehrlichkeit, mit Blick aufs Gemeinsame –, passiert etwas Paradoxes: Sie kommen sich näher.
Der Grund ist psychologisch tief verankert: Wer weiß, dass der andere auch in schwierigen Momenten bleibt und ehrlich ist, vertraut tiefer. Konflikte sind Stresstests für jegliche Arten von Beziehungen – und bestandene Stresstests stärken das Fundament.
Merksatz 2
„Der beste Beweis für echtes Vertrauen ist ein gut überstandener Konflikt.“
Das gilt für Arbeitsteams genauso wie für Freundschaften oder Partnerschaften. Deshalb lohnt es sich, Konflikte nicht zu umgehen – sondern ihnen mit Neugier zu begegnen.
Fünf Prinzipien für konstruktives Streiten
1. Früh ansprechen: Je früher ein Konflikt benannt wird, desto niedriger die Eskalationsstufe. Kleine Unannehmlichkeiten sind leichter zu klären als chronische Verletzungen.
2. Verhalten benennen, nicht Personen: Nicht „Du bist verantwortungslos“, sondern „In dieser Situation hat mir Absprache gefehlt.“
3. Das Reflexionsrad nutzen: Vor jeder Reaktion kurz innehalten: Was nehme ich wahr? Was interpretiere ich? Was brauche ich?
4. Den Konflikt benennen, nicht umschiffen: Wer merkt, dass ein Gespräch in eine Sackgasse gerät oder Spannung im Raum liegt, spricht es direkt an – freundlich, aber klar. Schweigen löst nichts. Benennen schafft Raum.
5. Die Regel hinter der Regel suchen: Wenn ein Regelbruch zum Konflikt führt: Was wollte die Regel eigentlich schützen? Ist das noch gültig?
Fazit: Konflikte als Entwicklungsmotor
Wer Konflikte genießen kann, hat nicht die Fähigkeit verloren, Verletzungen zu spüren. Er hat gelernt, das Potenzial hinter der Verletzung zu sehen.
Brauchbare Illegalitäten zeigen uns, dass keine Regel die Realität vollständig abbilden kann – und dass zwischen Regeltreue und Regelgestaltung kein Widerspruch liegt, sondern eine Einladung zur Weiterentwicklung. Das Reflexionsrad gibt uns Werkzeuge, um besonnen zu bleiben. Und das Wissen um Eskalationsstufen schützt uns vor dem Abrutschen.
Konflikte, die gut geführt werden, sind keine Zeichen von Schwäche oder Dysfunktion. Sie sind der Beweis, dass Menschen genug Mut haben, ehrlich miteinander zu sein – und genug Vertrauen, um gemeinsam nach besseren Wegen zu suchen.
Merksatz 3
„Streiten ist nicht das Gegenteil von Verbundenheit. Es ist ihr härtester Test – und bei bestandenem Test ihr stärkster Ausdruck.“
Stellen wir uns vor, Mia und Jonas leben in einer idealen Welt. In dieser hat es zwischen ihnen zwar ordentlich gekracht. Aber sie haben sich hinterher nicht bei anderen Teamleiter*innen übereinander ausgelassen. Sie haben auch nicht jegliche direkte Kommunikation eingestellt und nur noch „ihr eigenes Süppchen gekocht“. Sie haben erkannt, dass sie eigentlich das gleiche Ziel verfolgen, jede*r zwar auf eigene Art und Weise, aber dennoch: Sie wollen das Beste für die Organisation. Daher haben sie gemeinsam mit zwei weiteren Kolleg*innen eine Arbeitsgruppe gegründet, die es sich zum Ziel gemacht hat, sämtliches Erstformularwerk auf Niedrigschwelligkeit zu optimieren. Die Teamleitungen konnten ihre Erfahrungen aus der täglichen Arbeit mit den Klient*innen einfließen lassen, Jonas konnte eingreifen, wenn Vereinfachung bedeutete, dass die Rechtssicherheit nicht mehr gegeben oder der weitere Bearbeitungsprozess gefährdet war. Als Grundlage für die neuen Formulare diente Mias Regelbruch. Das Projekt „EE – Einfaches Erstformular“ wurde bei der Weihnachtsfeier als erfolgreichstes Projekt des Jahres ausgezeichnet. Und trotzdem gibt es weiterhin Situationen, in denen die Formulare unsinnig wirken, weil die Fälle der Klient*innen zu individuell sind. Hier ist dann die Kreativität der Sachbearbeiter*innen gefragt. Sie handeln unter der Prämisse der brauchbaren Illegalitäten. Jeder dieser legitimen Regelbrüche zeigen sie aber nun bei der Qualitätssicherung an. Diese Fälle werden dokumentiert und können so wiederum Optimierungsprozesse nach sich ziehen – in der Regel jedenfalls. In einer idealen Welt …
Literatur
Konfliktmanagement – Friedrich Glasl (2020)
Das Standardwerk zu Eskalationsdynamiken in Konflikten. Es beschreibt die bekannten neun Eskalationsstufen sowie Möglichkeiten der Deeskalation und Konfliktbearbeitung.
Grundformen der Angst – Fritz Riemann (1961)
Ein psychologischer Klassiker über grundlegende menschliche Spannungsfelder: Nähe vs. Distanz sowie Dauer vs. Wechsel. Riemann erklärt, warum Menschen unterschiedlich auf Unsicherheit, Regeln, Veränderung und Beziehungen reagieren.
Besser streiten – Christoph Thomann (2022)
Das Werk zeigt, warum Konflikte nicht zerstörerisch sein müssen, sondern Beziehungen vertiefen und Entwicklung fördern können. Konflikte werden hier als Chance für Klärung und Vertrauen verstanden.
Soziale Systeme – Niklas Luhmann (1984)
Luhmann beschreibt Organisationen als Systeme aus Kommunikation und Erwartungen. Besonders relevant ist sein Konzept der „brauchbaren Illegalität“: Organisationen funktionieren oft gerade deshalb, weil Menschen situativ von Regeln abweichen.
Die Kunst des Konflikts – Klaus Eidenschink (2024/2025)
Konflikte werden systemisch betrachtet und es wird gezeigt, dass Spannungen unvermeidbar und gleichzeitig produktiv sind. Entscheidend ist nicht die Vermeidung von Konflikten, sondern der kompetente Umgang mit Unterschiedlichkeit.
Gewaltfreie Kommunikation – Marshall B. Rosenberg (2016)
Konflikte benötigen genaue und klare Beobachtung, Bedürfnisorientierung und respektvolle Sprache, damit sie konstruktiv bearbeitet werden können.




