Zwischen Freiheit und Verantwortung: Die Kunst des Entscheidens

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Wir entscheiden ständig: Das Leben zwischen Ja, Nein und Vielleicht

Der Wecker klingelt: Snooze oder aufstehen? Wir schlurfen in die Küche, der Kaffee läuft gerade durch: Müsli oder Brot? Das Brot ist schimmlig, also Toast: Käse oder Marmelade? Unter der Dusche: Haare waschen oder nicht? Danach: Blaue Bluse oder gelbes Kleid? Los geht’s: Fahrrad, Auto oder Öffis? Angekommen im Büro: Schnack mit dem Kollegen, der gerade seinen Kopf zur Tür hereinsteckt, oder lieber erstmal Mails beantworten? Und so weiter und so fort. Die meisten dieser Entscheidungen fällen wir, ohne sie überhaupt als solche wahrzunehmen. Sie laufen im Hintergrund, fast automatisch. Und doch ist genau das ein Privileg: die Freiheit, wählen zu können. In vielen Lebensbereichen und an vielen Orten der Welt ist diese Freiheit alles andere als selbstverständlich.

Gleichzeitig kennen wir auch die andere Seite der Medaille: zwanzig Sorten Müsli im Supermarktregal, Android oder iOS, Zig Smartphonemodelle, das Aufblinken von Pushnachrichten auf dem Display im Minutentakt, Gewissensentscheidungen für oder gegen Fern- und Flugreisen, Entscheidungen, die unseren Lebenslauf beeinflussen – Ausbildung oder Studium, Jobwahl, Wohnort, Heiraten oder nicht, Kinder ja oder nein? Entscheidungen, die wir nicht für uns, sondern für andere Menschen treffen – die Schulwahl für die eigenen Kinder, ja, vielleicht sogar die Entscheidung über Leben oder Tod, wenn es beispielsweise darum geht, lebenserhaltende Geräte abzuschalten oder sich für oder gegen entstehendes Leben zu entscheiden. Diese unvollständige Aufzählung allein zeigt schon, dass wir ständig Entscheidungen treffen, bewusst und unbewusst, dass die Zahl dieser großen und kleinen Entscheidungen schier unendlich ist, geradezu überfordernd wirken kann. Werde ich bereuen? Das sind Momente, in dem die Auswahl an Möglichkeiten nicht mehr beflügelt, sondern erschöpft.

„Paradox of Choice“ nach Barry Schwartz

Der Psychologe Barry Schwartz hat dafür den Begriff des „Paradox of Choice“ geprägt: Mehr Optionen führen nicht automatisch zu mehr Zufriedenheit, sondern häufig zu mehr Zweifel, mehr Vergleich, mehr Reue über die nicht gewählte Alternative. Und wer den Tag über viele kleine Entscheidungen trifft, hat für die wirklich wichtigen am Abend oft kaum noch Kraft übrig – ein Effekt, den die Forschung als Entscheidungsmüdigkeit beschreibt.

Schwartz unterscheidet zwischen zwei Entscheidungstypen, die sich nicht nur im Privaten, sondern auch in fast jedem Team wiederfinden lassen: dem Optimizer (der Maximierer) und dem Satisficer (der Genügsame). Wer stärker dazu neigt, Optmizer zu sein, vergleicht so lange, bis wirklich die beste aller Optionen gefunden ist – und zahlt dafür mit Zeit, Energie und nicht selten nachträglichem Zweifel, ob nicht doch etwas Besseres möglich gewesen wäre. Wer eher ein Satisficer ist – ein Begriff, den ursprünglich der Ökonom Herbert Simon geprägt hat –, entscheidet sich dagegen für die erste Option, die den eigenen Ansprüchen genügt, und ist damit oft nicht nur schneller, sondern hinterher auch zufriedener. Genügsamkeit ist dabei keineswegs gleichbedeutend mit geringeren Ansprüchen. Es ist vielmehr eine bewusste Entscheidung dafür, den Punkt zu kennen, ab dem eine gute Lösung gut genug und das Bedürfnis, um das es geht, befriedigt ist.

Die drei Instanzen der Entscheidung: Kopf – Herz – Bauch

Wie wir zu einer Entscheidung kommen, unterscheidet sich dabei ebenso wie die Entscheidungen selbst. Manchmal wägen wir nüchtern ab, sammeln Informationen, vergleichen Vor- und Nachteile – wir entscheiden mit dem Kopf. Manchmal spüren wir sofort, was uns wichtig ist, was uns freut oder ängstigt – wir entscheiden mit dem Herzen. Und manchmal wissen wir einfach, ohne es recht erklären zu können, was richtig ist – wir entscheiden aus dem Bauch heraus. Gute Entscheidungen brauchen in der Regel alle drei Instanzen: Der Kopf prüft Fakten und Konsequenzen, das Herz sorgt dafür, dass eine Entscheidung sich stimmig anfühlt und zu den eigenen Werten passt, und der Bauch bündelt – oft schneller, als der Kopf es könnte – Erfahrungswissen zu einem verlässlichen Gefühl von richtig oder falsch. Wer nur einer dieser Instanzen vertraut, läuft Gefahr, entweder in endloser Abwägung steckenzubleiben oder Entscheidungen zu treffen, die sich im Nachhinein nicht tragfähig anfühlen.

Was im Privaten gilt, gilt im Beruflichen nicht minder – nur dass im beruflichen Kontext selten eine einzelne Person von den Konsequenzen einer Entscheidung betroffen ist, sondern das Kollektiv. Entscheidungen in Organisationen sind fast immer eingebettet: in Rollen, in Erwartungen, in Beziehungen zu anderen Menschen, die von der Entscheidung betroffen sind oder sie mittragen müssen. Damit verändert sich auch der Fragefokus. Es geht nicht mehr nur darum, was entschieden wird, sondern wer entscheiden darf, wie diese Entscheidung zustande kommt – und wer am Ende dafür geradesteht.

Organisationen sind, was sie entscheiden

Der Soziologe Niklas Luhmann hat einen Gedanken formuliert, der auf den ersten Blick sperrig klingt, sich aber bei näherem Hinsehen als überraschend praktisch erweist: Organisationen bestehen nicht aus Menschen, sondern aus Entscheidungen. Eine Organisation, so Luhmann, reproduziert sich fortlaufend selbst, indem sie Entscheidung an Entscheidung reiht – über Zuständigkeiten, über Abläufe, über Prioritäten. Jede getroffene Entscheidung schafft dabei die Voraussetzung für die nächste, und jede Entscheidung hätte auch anders ausfallen können. Genau darin liegt für Luhmann das Wesen des Organisierens: Es ist die permanente Bearbeitung von Unsicherheit.

Auf den Führungsalltag bezogen bedeutet das: Wenn Entscheidungen das eigentliche Gewebe einer Organisation sind, dann ist die Frage, wer entscheiden darf und wie, keine Nebensächlichkeit, sondern die Frage nach der Organisationsform selbst. Wird nur „oben“ entschieden, entsteht eine andere Organisation als dort, wo Entscheidungskompetenz breit verteilt ist. Beides ist möglich – aber beides sollte eine bewusste Wahl sein und nicht das Ergebnis von Unklarheit.

Das Entscheidungsdreieck: Preis – Qualität – Zeit

Bevor es um die Frage geht, wer entscheidet, wollen wir einen Blick darauf werfen, woran Entscheidungen in Organisationen inhaltlich so oft hängen bleiben: am klassischen Zielkonflikt zwischen Preis, Qualität und Zeit. Dieses sogenannte Entscheidungsdreieck – im Projektmanagement auch als „magisches Dreieck“ bekannt – besagt im Kern: Von diesen drei Größen lassen sich in der Regel höchstens zwei gleichzeitig maximieren. Wer schnell und günstig liefern will, muss bei der Qualität Abstriche machen. Wer höchste Qualität in kurzer Zeit erwartet, muss dafür bezahlen. Und wer günstig und in bester Qualität arbeiten lassen möchte, braucht Zeit.
Diese Logik wirkt banal, gerät im Alltag aber erstaunlich oft in Vergessenheit – etwa dann, wenn von einem Team implizit erwartet wird, alle drei Ecken gleichzeitig zu bedienen. Solche Zielkonflikte offen zu benennen, gehört deshalb selbst zur Entscheidungskompetenz: Wer klar sagen kann, welche Ecke des Dreiecks er oder sie für eine bestimmte Entscheidung bewusst zurückstellt, entscheidet nicht schlechter, sondern ehrlicher – und schafft damit zugleich die Grundlage, auf der andere diese Entscheidung nachvollziehen und mittragen können.

Rollen schärfen, bevor man Verantwortung verteilt

In der Praxis entstehen an diesem Punkt häufig Probleme. Viele Teams scheitern nicht daran, dass niemand Verantwortung übernehmen will, sondern daran, dass unklar ist, wer für welche Entscheidung überhaupt zuständig ist. Wenn drei Personen glauben, für dasselbe Thema verantwortlich zu sein, entscheidet am Ende oft niemand – oder alle gleichzeitig, was zu Reibung führt. Wenn niemand sich zuständig fühlt, bleiben notwendige Entscheidungen liegen, bis der Druck von außen zu groß wird.

Rollenklarheit ist deshalb keine bürokratische Fleißaufgabe, sondern die Grundlage jeder gelingenden Entscheidungskultur. Erst wenn ich weiß, wofür ich stehe – welchen Ausschnitt der gemeinsamen Arbeit ich verantworte –, kann ich mir zutrauen, dort auch zu entscheiden. Der Psychologe Albert Bandura hat mit seinem Konzept der Selbstwirksamkeit beschrieben, wie eng dieses Zutrauen mit tatsächlichem Handeln verknüpft ist: Menschen, die überzeugt sind, eine Aufgabe aus eigener Kraft bewältigen zu können, gehen sie eher an, bleiben bei Rückschlägen dran und entwickeln im Tun weitere Kompetenz. Rollenklarheit ist damit auch ein Beitrag zur Selbstwirksamkeit – sie gibt dem eigenen Entscheiden einen Rahmen, in dem es überhaupt erst wachsen kann.

Verantwortung übernehmen – und abgeben

Rollenklarheit allein reicht jedoch nicht. Verantwortung hat immer zwei Seiten, und beide erfordern etwas anderes von den Beteiligten. Verantwortung zu übernehmen bedeutet, sich sichtbar zu machen: eine Position zu beziehen, eine Entscheidung zu vertreten, auch wenn sie sich später als falsch herausstellt. Das ist unbequem, und es ist der Grund, warum manche Menschen Entscheidungen lieber vermeiden, als sie zu treffen.
Verantwortung abzugeben ist die andere, oft unterschätzte Hälfte dieser Gleichung – und für Führungskräfte häufig die schwierigere. Wer gewohnt ist, selbst zu entscheiden, muss lernen, Kontrolle loszulassen, ohne sich aus der Verantwortung zu stehlen. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied: Delegation bedeutet nicht, sich aus der Sache herauszuhalten, sondern bewusst zu gestalten, wie viel Spielraum jemand anderem gegeben wird – und dafür auch dann geradezustehen, wenn die Entscheidung des anderen nicht die eigene gewesen wäre.

Delegation als Lernprozess, nicht als Schalter

Delegation muss wachsen und sich entfalten. Sie ist kein Schalter, den man umlegt, sondern ein Prozess, der Zeit, Übung und – vor allem – Vertrauen in beide Richtungen braucht. Das situative Führungsmodell von Paul Hersey und Kenneth Blanchard beschreibt diesen Zusammenhang treffend: Wie viel Führung, Anleitung oder eben Freiraum jemand braucht, hängt vom jeweiligen Reifegrad in Bezug auf eine konkrete Aufgabe ab – nicht von der Person insgesamt. Jemand, der in einem Bereich bereits erfahren und selbstsicher entscheidet, kann in einem neuen Themenfeld durchaus wieder engere Begleitung brauchen. Delegation ist also kein einmaliger Akt, sondern eine sich immer wieder neu justierende Passung zwischen Aufgabe, Kompetenz und Vertrauen.

Damit dieser Prozess nicht dem Zufall überlassen bleibt, hat sich in agilen Organisationen ein einfaches, aber wirkungsvolles Werkzeug etabliert: das sogenannte Delegation Poker, entwickelt von Jurgen Appelo im Rahmen seines Management-3.0-Ansatzes. Die Grundidee: Führungskraft und Team einigen sich nicht abstrakt darauf, „mehr Verantwortung“ abzugeben, sondern konkret, auf welcher von sieben Delegationsstufen eine bestimmte Entscheidung – etwa die Urlaubsplanung, die Wahl neuer Tools oder die Priorisierung von Aufgaben – künftig getroffen wird.

Delegation Cards

Delegation Cards (mehr Informationen beim Klick auf das Foto)

Die sieben Stufen des Delegation Poker

  1. Verkünden – Ich* entscheide. Danach informiere ich dich.
  2. Verkaufen – Ich entscheide. Dann überzeuge ich dich.
  3. Befragen – Ich entscheide. Vorher bitte ich dich um Rat/Meinung/Input.
  4. Einigen – Wir entscheiden gemeinsam. Nachdem wir diskutiert und Konsens gefunden haben.
  5. Beraten – Du entscheidest. Aber ich biete dir meinen Rat/Input an.
  6. Erkundigen – Du entscheidest. Im Nachhinein erkundige ich mich, wie du dich entschieden hast.
  7. Delegieren – Du entscheidest. Ich muss gar nicht wissen, wie du dich entschieden hast und warum.

*) „Ich“ beschreibt innerhalb der Delegationsstufen das Ich aus der Sicht der Führungskraft

Delegation Poker – das Spielprinzip

Gespielt wird das Ganze denkbar einfach: Jede Person am Tisch erhält einen vollständigen Satz der sieben Karten. Für eine konkrete Entscheidung, die die Gruppe anhand des Spiels diskutieren möchte, – etwa „Wer legt die Arbeitszeiten fest?“ – wählt zunächst jede*r Mitspieler*in verdeckt die Karte, die aus eigener Sicht den passenden Delegationsgrad beschreibt. Erst wenn alle gewählt haben, werden die Karten gleichzeitig aufgedeckt. Dieser Moment ist der eigentliche Kern der Übung: Häufig zeigt sich dabei eine überraschend große Spannbreite – während die Führungskraft vielleicht bei „Befragen“ landet, hätte sich das Team längst „Beraten“ zugetraut, oder umgekehrt. Diese Differenz wird nicht überspielt, sondern zum Ausgangspunkt eines Gesprächs: Wer eine deutlich abweichende Karte gezogen hat, begründet seine Sicht, und gemeinsam wird verhandelt, auf welcher Stufe die Entscheidung künftig tatsächlich getroffen werden soll. Das Ergebnis ist damit nie einfach vorgegeben, sondern immer ausgehandelt – und genau das macht es tragfähig.

Der Reiz dieses Werkzeugs liegt darin, dass es Delegation aus der Grauzone diffuser Erwartungen herausholt und explizit macht. Statt eines vagen Gefühls von „ich hätte da gern mehr Mitsprache“ entsteht ein konkretes Gespräch: Wo stehen wir heute, wo wollen wir hin, und was braucht es, um von Stufe drei auf Stufe fünf zu kommen? Diese Offenheit ist unbequemer als Schweigen – aber sie verhindert genau jene Missverständnisse, an denen Delegation in der Praxis so oft scheitert.

Mentoring als Begleitung auf dem Weg

Wer eine Delegationsstufe erhöht, überlässt sein Gegenüber damit nicht sich selbst. Genau hier setzt Mentoring an: nicht als Kontrolle, die die neu gewonnene Entscheidungsfreiheit wieder einschränkt, sondern als Begleitung, die Rückhalt gibt, ohne vorzugreifen. Ein gutes Mentoring-Verhältnis stellt Fragen, bevor es Antworten gibt, und es hält Unsicherheit aus, statt sie vorschnell aufzulösen. So kann aus der theoretisch zugestandenen Delegationsstufe tatsächlich gelebte Entscheidungskompetenz werden – Schritt für Schritt, im begleiteten Ausprobieren statt im Sprung ins kalte Wasser.

Selbstorganisation und Partizipation: Viele Stimmen, nicht viele Chefs

Je mehr Entscheidungskompetenz auf diese Weise in einem Team verankert ist, desto mehr nähert sich die Zusammenarbeit dem an, was gemeinhin als Selbstorganisation bezeichnet wird. Selbstorganisation bedeutet dabei nicht, es keine Struktur mehr gibt – im Gegenteil: Sie braucht sogar mehr Klarheit über Rollen und Entscheidungsräume als klassische, hierarchisch geprägte Strukturen, weil diese Klarheit nicht mehr von einer einzelnen Führungsperson im Zweifelsfall nachträglich hergestellt wird.

Eng damit verbunden ist die Frage der Partizipation: Wer wird vor einer Entscheidung gehört, und wessen Perspektive fließt tatsächlich ein? Partizipation heißt dabei nicht, dass am Ende alle über alles gemeinsam abstimmen – das würde die meisten Organisationen handlungsunfähig machen. Es bedeutet vielmehr, bewusst zu unterscheiden: Bei welchen Entscheidungen ist breite Beteiligung wertvoll, weil unterschiedliche Perspektiven die Qualität der Entscheidung erhöhen? Und bei welchen ist es sinnvoller, klar zuzuweisen, wer entscheidet – gerade damit am Ende auch entschieden wird. Auch dafür bietet das Delegation-Poker-Prinzip eine hilfreiche Orientierung, weil es diese Abstufung sichtbar macht, statt Partizipation als Alles-oder-nichts-Frage zu behandeln.

Autonomie ist nicht Anarchie

Damit ist zugleich eine Grenze markiert, die in der Praxis oft verschwimmt: der Unterschied zwischen Autonomie und Anarchie. Echte Autonomie ist an einen Rahmen gebunden – an geklärte Rollen, an vereinbarte Ziele, an Rechenschaft gegenüber anderen. Wer autonom entscheidet, tut dies innerhalb eines Spielraums, der bewusst zugestanden wurde, und bleibt dabei mit dem größeren Ganzen verbunden. Anarchie hingegen entsteht dort, wo dieser Rahmen fehlt: wo jede und jeder für sich entscheidet, ohne dass klar ist, wie diese Einzelentscheidungen zusammenwirken, und ohne dass am Ende jemand die Verantwortung für das Gesamtergebnis trägt.

Der Unterschied ist in der Praxis oft subtil, aber entscheidend. Ein Team, das eine Entscheidungsstufe erreicht hat und diese souverän ausfüllt, wirkt nach außen manchmal ganz ähnlich wie ein Team, das einfach führungslos vor sich hin agiert. Der Unterschied zeigt sich erst im Ergebnis – und darin, ob es am Ende noch jemanden gibt, der oder die für dieses Ergebnis geradesteht. Genau deshalb führt der Weg zu mehr Autonomie nie an Rollenklarheit und Verantwortungsübernahme vorbei, so verlockend es auch scheinen mag, diese Schritte im Namen von mehr Freiheit zu überspringen.

Entscheiden als Ausdruck von Vertrauen

Am Ende führt der Bogen zurück zum Ausgangspunkt: Auch im Privaten ist jede Entscheidung, die wir selbst treffen dürfen, Ausdruck eines Vertrauensvorschusses – sei es das Vertrauen der Eltern, die uns als Kinder erste eigene Wahlmöglichkeiten zugestanden haben, oder das Vertrauen, das wir uns selbst entgegenbringen, wenn wir eine schwierige Entscheidung nicht länger aufschieben. In Organisationen ist es nicht anders. Wo Entscheidungskompetenz bewusst verteilt wird – schrittweise, begleitet, mit geklärten Rollen und ausgesprochenen Erwartungen –, wächst nicht nur die Handlungsfähigkeit des Einzelnen. Es wächst auch etwas, das jede Organisation im Kern zusammenhält: das Vertrauen, dass die eigene Entscheidung nicht allein steht, sondern getragen wird von einem Rahmen, der auch dann trägt, wenn eine Entscheidung sich als Irrweg erweist.
Entscheiden zu können, ist damit weniger eine Frage der Kompetenz allein – und mehr eine Frage der Beziehung: zwischen Mensch und Rolle, zwischen Team und Führung, zwischen Freiheit und Verantwortung

 

Was jetzt?

Wenn du als Führungskraft diesen Text gelesen hast, dann vermutlich, weil du spürst: So wie bisher funktioniert es, aber es könnte auch anders – besser und leichter – gehen.
Meinen Partner:innen und mir geht es nicht darum, Menschen zu „optimieren“. Wir möchten Organisationen so gestalten, dass Menschen in ihnen wachsen können.

Die Menschen im Partnernetzwerk von WIPPERMANN + PARTNER möchten dich und deine Organisation auf diesem Weg begleiten.

Literatur

Die Kunst der Entscheidung. Warum wir uns so schwer entscheiden können – Barry Schwartz (2004)
Hier wird sich mit der Frage beschäftigt, warum mehr Auswahl nicht automatisch mehr Freiheit und Zufriedenheit bedeutet. Besonders passend zu eurem Abschnitt über das „Paradox of Choice“ und die Unterscheidung zwischen Maximierern und Genügsamen.

Organisation und Entscheidung – Niklas Luhmann (2000)
Eine zentrale Quelle für den Gedanken, dass Organisationen wesentlich über Entscheidungen und deren Verknüpfung entstehen. Besonders interessant für die Frage, wer entscheiden darf, wie Entscheidungen zustande kommen und wie Rollen dabei Orientierung geben.

Selbstwirksamkeit. Die Psychologie der kognitiven Kontrolle – Albert Bandura (1997)
Banduras Konzept passt unmittelbar zum Gedanken, dass Menschen Verantwortung eher übernehmen, wenn sie davon überzeugt sind, eine Aufgabe bewältigen zu können. Damit lässt sich die Verbindung von Rollenklarheit, Selbstvertrauen und Entscheidungskompetenz vertiefen.

Management 3.0. Leading Agile Developers, Developing Agile Leaders – Jurgen Appelo (2010)
Die Beschreibung für Delegation Poker und die sieben Delegationsstufen. Gerade für den praktischen Teil sinnvoll, weil sie die Frage „Wer entscheidet?“ in konkrete Führungs- und Teamarbeit übersetzt. Das Delegation-Poker-Konzept geht auf Appelos Management-3.0-Ansatz zurück.

Management der Organisation. Umsetzung der situativen Führung – Paul Hersey & Kenneth H. Blanchard (1982)
Der Klassiker zur situativen Führung bietet den theoretischen Hintergrund für eure Aussage, dass Delegation nicht einfach ein „Schalter“ ist, sondern sich an Aufgabe, Kompetenz und dem jeweiligen Unterstützungsbedarf orientieren sollte.

 

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